04.10.2010

"Geiz ist geil!" war gestern ... heute ist Gratismentalität angesagt!

Wie in jedem Jahr findet die tekom Jahrestagung in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen statt.
Am Donnerstag, 4. November 2010 sind wir dort um 9:45 im Raum 11B mit einem Fachvortrag vertreten:

Michael C. Enderstein, ditto KG, Reinfeld (Holstein)

Piraterie

Eigentlich sind leise Töne ihr Markenzeichen, aber seit einiger Zeit erhebt Bundeskanzlerin Merkel doch die Stimme für deutsche Unternehmer, deren Know-how in China immer dreister abgegriffen wird. Premier Wen Jiabao gab sich ob der harschen Kritik an der Gratismentalität seiner Landsleute zerknirscht, versprach aber nicht, deren Piraterie geistigen Eigentums ernsthaft zu bekämpfen.

Trittbrettfahrer

Eine ganz andere Form der Piraterie konnte man auf der letzten Jahrestagung in Wiesbaden erleben: Ohne sich für die tekom e. V. finanziell oder intellektuell zu engagieren, enterten Trittbrettfahrer in großer Zahl die Messe und nutzten die ihnen gebotene Öffentlichkeit als Gratis-Werbe-Plattform, um die sensationell preiswerten Dienstleistungen osteuropäischer Übersetzungsagenturen anzubieten.

Schnorrer

Viel subtiler kommt professionelles Schnorren daher: "Eine online verfügbare Firmenterminologie [...], wie mache ich das ohne Geld? Entweder kostenlos mit AXITD oder man unterhält sich 'mal mit seinem bevorzugten Übersetzungsdienstleister. Ein Vorschlag wäre, dass dieser für Sie ein Tool beschafft und [...] weil Sie so ein guter Kunde sind, soll er Ihnen das Ding auch zu Weihnachten schenken." (1)

Es ist sicherlich klar, dass jeder Übersetzungsdienstleister, der zu einem gewissen Grad wirtschaftlich von seinem Auftraggeber abhängig ist, hinter diesem Ratschlag eher den Piratenkapitän Hook als den Weihnachtsmann vermuten wird.

Gratismentalität

Natürlich spielen die Produktpiraten Chinas in einer ganz eigenen Liga. Schnorrer und Trittbrettfahrer sind aber alles andere als harmlos, denn ihre Gratismentalität untergräbt die vorherrschende protestantische Wirtschaftsethik und bereitet so den Boden für massive Verwerfungen in unserer Wirtschaftskultur.

Während die vom Soziologen Max Weber so treffend beschriebene Balance aus Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinn ein Leitprinzip der Deutschland AG war, bedienen immer mehr moderne Unternehmer einseitig die Gratismentalität ihrer Kunden mit einer deflationären Preisentwicklung.

Freeconomics

Diese Geschäftskultur namens Freeconomics bedeutet eine radikale Abkehr vom einstmals selbstverständlichen Herstellerkosten-plus-Marge-Preismodell und hat unübersehbar mit dem Siegeszug des Internets zu tun.

Ökonomisch betrachtet unterliegen Freeconomics nämlich dem harten Gesetz des Wettbewerbs im WWW, welches das Preisniveau vieler Produkte und Dienstleistungen unerbittlich in Richtung Gratis treibt.

No Free Lunch!

Nun wissen wir als Konsumenten Gratisleistungen durchaus zu schätzen, aber im Grunde wissen wir auch, dass am Ende immer einer zahlen muss: "There's no such thing as a free lunch!" stellte schon 1975 der US-Ökonom Milton Friedman (2) klar. Unklar bleibt bei den Freeconomics oft nur, wer zur Kasse gebeten wird, und in welcher Form das geschieht.

Strukturell wird der Boden für Gratisleistungen jedenfalls dort bereitet, wo der nivellierende Effekt marktbeherrschender Technologien oder korsettartiger Normen den Unternehmen zu wenig Raum lassen, um sich zu profilieren.

Start-Ups und Platzhirsche

In so einem Marktumfeld können Gratisleistungen durchaus Sinn machen, so z. B. für Start-Ups mit Venture-Capital, die nach dem Follow-the-Free-Prinzip rasch eine kritische Masse an potentiellen Kunden erzeugen möchten, die sie erst später zur Kasse bitten wollen. Ebenso sinnvoll können Kostenlosangebote aber auch für Platzhirsche sein, die eine Marktbereinigung durchführen wollen.

Quersubventionierung

Natürlich ist so etwas völlig legal, aber problematisch für alle, die nicht über tiefe Taschen oder alternative Ertragsquellen verfügen. Denn gegen Gratisleistungen kann nur bestehen, wer in der Lage ist, Quersubventionierung zu betreiben. Tatsächlich geraten darum in der Regel Kleinunternehmer und Freiberufler als Erste durch Gratisleistungen großer Unternehmen unter Druck.

Profitmargen und Existenzängste

Klar ist somit, dass Gratisleistungen am einen Ende der Skala helfen, neue Kundenkreise und größere Profitmargen zu erschließen. Am anderen Ende der Skala, also da, wo der Lebensunterhalt überwiegend in Eigenarbeit erwirtschaftet wird, sorgen sie für finanziellen Druck und Existenzängste.

Betrachtet man nun im Bereich der Technischen Kommunikation den nivellierenden Effekt zunehmend standardisierter XML- und Translation-Memory-Technologien, sowie den stetig wachsenden Druck in Richtung Normkonformität, so kann das Entbrennen von Gratisschlachten auch hier eigentlich nur eine Frage der Zeit sein.

Freeconomy-Freunde vs. Gratismentalität-Gegner

Vor diesem Hintergrund ruft Detlef Gürtler (3) den Freunden der Freeconomy zu: "Die Gratis-Mentalität hat gesiegt. Höchste Zeit, daraus ein gutes Business zu machen." Dem widerspricht Dennis O'Neil (4) im Namen aller Gegner der Gratismentalität: "If you are good at something, never do it for free!"

Wird es den Freunden der Freeconomy gelingen, im Bereich der Technischen Kommunikation ein neues ökomisches Zeitalter einzuläuten, oder werden die Gegner der Gratismentalität sich behaupten?

In dem Vortrag werden aktuelle Trends und mögliche Zukunftsszenarien vorgestellt.

Literatur

(1) Pascal Kesselmark, Das heutige Umfeld ... - tekom Frühjahrstagung 2010
(2) Milton Friedman, There’s no such thing as a free lunch - La Salle, IL - 1975
(3) Detlef Gürtler (Hrsg.), GDI IMPULS - Zürich - 2010
(4) Dennis O'Neil, The Dark Knight - New York, NY - 2008

für Rückfragen: enderstein@ditto-trans.de

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